Die Männer im Gemeinderat von Tübingen haben gefühlt mehr Redezeit

Die Themen Bauen, Finanzen, Haushalt, Planung und Verkehr werden im Gemeinderat eher von Männern bearbeitet, Frauen hingegen sind eher für die Felder Soziales, Kultur, Integration, Kinderbetreuung und Bildung zuständig.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage unter Gemeinderäten in Tübingen. Die Ergebnisse der Umfrage wurden Anfang der Woche im Rahmen einer Gemeinderatssitzung anlässlich des 100. Jahrestags der Einführung des Frauenwahlrechts diskutiert.
An der Erhebung hatten 33 von insgesamt 40 Mandatsträgern teilgenommen, davon etwas mehr als die Hälfte weiblich.

Gemeinderätin: „Man könnte meinen, fast wie immer“

Uneins sind sich die Umfrageteilnehmer in der Frage, ob Männer in den Gemeinderatssitzungen mehr Redezeit für sich in Anspruch nehmen würden. 76 Prozent der Frauen stimmen dieser Aussage voll oder
überwiegend zu, aber nur 42 Prozent der Männer.
Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage, ob die Redebeiträge von Männern in der Öffentlichkeit oder in der Lokalzeitung mehr Berücksichtigung fänden. 64 Prozent der Frauen sehen das so, lediglich 37 Prozent sehen das nicht so. 87 Prozent der Frauen finden, dass sie genügend Unterstützung bekommen, wenn sie ein kommunalpolitisches Amt anstreben. Die Männer stimmen dieser Aussage nur mit 68 Prozent zu und sehen sich damit weniger gut protegiert.

Gemeinderätin Anne Kreim
Für die Freien Demokraten Im Tübinger Gemeinderat: Anne Kreim

Für Gemeinderätin Anne Kreim (FDP) spiegeln die Ergebnisse der Umfrage die Realität wider: „Der Mann fürs Bauen, die Frau fürs Soziale, man könnte meinen, fast wie immer“, sagt sie. Dass die Männer die Inanspruchnahme von Redezeit selbst als beinahe ausgeglichen bewerteten, zeige, dass das Thema Gleichberechtigung zwar in den Köpfen der Männer vorhanden, die Realität aber eine andere sei.
Gemeinderätin Ingeborg Höhne-Mack (CDU) zeigt sich ebenfalls wenig überrascht von den Ergebnissen. Frauen sehen ihre eigene Situation im Rat im Detail eben doch deutlich kritischer als das in der Fremdeinschätzung durch den Mann der Fall ist. Das erzeuge bei ihr einen Zustand zwischen Lachen und Weinen, zum einen, weil sie die Lage im Vorfeld richtig eingeschätzt habe, zum anderen, weil die Geschlechterverhältnisse
immer noch durch traditionelle Rollenzuweisungen geprägt seien. Dass Männer ganz überwiegend längere Redezeit für sich in Anspruch nähmen, sei schlicht ein Faktum und nur eine Minderheit unter den Männern
nehme das auch so wahr.

Arbeitsgruppe soll junge Kandidaten gewinnen

Der schlechte Wert in der Frage der Unterstützung für ein Mandat aufseiten der Männer habe möglicherweise mit den schon vorhandenen Quotierungsregelungen bei den Nominierungen zu tun. „Da fühlen sich Männer inzwischen anscheinend in der Defensive“, vermutet Höhne-Mack. Auf den Aspekt der gleichberechtigten Teilhabe verweist die Gleichstellungsbeauftragte Luzia Köberlein. Stadt und Gemeinderat als Unterzeichner der EU-Charta hätten sich dazu verpflichtet, darauf hinzuwirken, etwa bei der Vereinbarkeit eines Amts mit Familie und Beruf.
Die Gemeinderätinnen wollen jetzt erreichen, dass sich eine Arbeitsgruppe
noch vor der Kommunalwahl überlegt, wie man möglichst viele Menschen zwischen 25 und 45 Jahren für die politische Arbeit gewinnen könnte. Denn diese Altersgruppe ist nach Ansicht von Kreim und Höhne- Mack generell zu wenig vertreten im Gremium – das gelte für Frauen und Männer gleichermaßen.

Staatsanzeiger, 16. November 2018, Autor: Marcus Dischinger

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